Mittwoch, 6. Februar 2019

Die Legende vom großen Knall

Ich beschäftige mich immer wieder gerne mit dem Thema "Legendenbildung" - manchmal eher akademisch mit Analyse bestehender Legenden, manchmal ganz praktisch mit der Beobachtung von Legenden im Larvenstadium. Also gewissermaßen in dem Moment, wo sie noch nicht etabliert sind, aber auf dem besten Weg dahin.

Und eine solche Legenden-Larve fand ich bei der Ausstellung des örtlichen "Camera Club" (also begeisterte und oft begnadete Fotoamateure), wo ein mehr oder minder unspektakulärer Schnappschuss einer Statue bei Belturbet (County Cavan) meine Aufmerksamkeit erregte. Der "keltische" Krieger an der N3, am Übergang nach Nordirland, der unter dem allfälligen Motto "Peace for All" seine Maid in die Arme schließt.


Nicht gesprengt, nur geklaut - des Friedenspaar von Belturbet.

Nun ist diese Statue, trotz ihrer sicher tiefsinnigen Platzierung an der sogenannten Senator George Mitchell Peace Bridge, für mich nie ein grosses Kunstwerk gewesen. Mein Archivbild von 2008 mag das nachvollziehbar machen. Und die Aufnahme in der Ausstellung ging für mich auch nicht unbedingt in den Olymp ein, wirkte ebenso nichtssagend.

Was der Aufnahme aber eine gewisse Prägnanz verlieh, das war die Bildbeschriftung. Aus dem Gedächtnis zitiert: "Die Statue an der Friedensbrücke ... bevor sie weggesprengt wurde!" Mit einem Text wie diesem hat man sich im Grenzgebiet schon den Ehrenplatz gesichert, nehme ich an. Da tropft die Träne in das Guinness, da werden alle friedliebenden Iren (sprich, oft genug, also nicht die bösen Unionisten) wieder zum Opfer. A traumatised nation once again ...

Nur, was da so unwidersprochen stand, das ist schlicht nicht wahr. Denn das knuddelnde Pärchen wurde im Sommer 2016 nicht das Opfer von Terroristen. Sondern von opportunistischen, wenn auch nicht gut ausgestatteten Dieben. Wegen Rohmaterial, nimmt man an, nicht aus künstlerischer Sammelleidenschaft. Die illegale Beschaffung von Bronze, Kupfer und anderen Metallen ist ein lohnendes Geschäft in Irland. Klappte hier aber nicht, denn man konnte zwar die Liebenden vom Sockel reißen, aber nicht so recht abtransportieren.

Im Herbst 2018 aber behauptet schon jemand, der auch noch in der Nähe zu wohnen scheint, dass das Denkmal gesprengt wurde.

Ich frage mich nun nur noch, wie lange es dauern mag, bis diese erneute "Bombe von Belturbet" in das kollektive Gedächtnis eingeht. Wann die Statue des Spätheimkehrers in einem Atemzug mit der Bombe genannt wird, die im Dezember 1972 Geraldine O'Reilly (15) und Patrick Stanely (16) im Ortszentrum tötete. Oder mit jener Explosion, die einen Monat zuvor die Aghalane Bridge in den Abgrund riss - die heute noch an die 27 Jahre erinnert, die Belturbet vom County Fermanagh abgeschnitten war.

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