Mittwoch, 24. Juli 2019

Denkpause im Social-Media-Dschungel

Heute ist der 24.7., kein besonderes Datum, aber mich an 24/7 erinnernd – immer offen, immer bereit, immer wach, immer alles. Ein Status, den ich früher allenfalls aus dem Rettungsdienst und Ärztlichen Notdienst kannte, da war er ja auch notwendig. Und heute ein Status, dem wir uns freiwillig unterwerfen, ja, versklaven gar, ohne Not.

Und damit soll für mich jetzt erstmal (zumindest zeitweise) Schluss sein …

Social Media macht‘s möglich, hurra, wir lassen uns den letzten freien Gedanken rauben, während wir dem modernen Multitasking frönen und möglichst drei Netzangebote gleichzeitig und parallel zu anderen Arbeiten laufen lassen. Wir hetzen dem „Like“ hinterher, während die freundlichen Herrschaften in den Rechenzentren von Facegooinstatwitin mit unserer Aufmerksamkeit und unseren geteilten Interessen oder Vorlieben, unseren ganz persönlichen Daten gar hausieren gehen. Unser „Erlebnis“ noch besser machen. Unsere Sucht füttern. Oder, wie manch Zyniker bei FaceApp vermutet, Putin sich ins knallharte Fäustchen lacht.

Nicht, dass ich jetzt falsch verstanden werde: Ich liebe das Internet, nie war es etwa für einen schreibenden Menschen so einfach, Basis-Recherche zu betreiben. Eine Telefonnummer an der Elfenbeinküste? Kein Problem, Google hat sie binnen Sekundenbruchteilen. Welch ein Unterschied zu Steinzeit. Also der Zeit vor etwas mehr als zwanzig Jahren, als ich weltweit Adressen und Informationen recherchieren musste, mich auf Adress- und Telefonbücher, Nachschlagewerke und die Hilfe mancher Botschaft verlassen musste (wobei Südafrika und China an Hilfsbereitschaft nicht zu überbieten waren).

Also, summa summarum, das Internet als Werkzeug will ich nicht missen. Aber das Internet als Knute der ewigen Präsenz?

Als ich noch bei About.com (†) war, wurden alle Redakteure verdonnert, ihre eigene „Marke“ aufzubauen. Und dazu auch die SM-Spitzenreiter zu nutzen. SM wie Social Media, nicht Sadomaso, obwohl es irgendwann für mich austauschbar wurde. Also nicht nur Artikel schreiben und im eingebetteten Blog bewerben, sondern selber auf Facebook, Twitter, Pinterest und Google+ vermarkten. Google+? Ja, Kinder, das war damals so ein Ding wie Facebook … und ironischerweise das einzige der genannten Mindestforderungs-Medien, das echte Wirkung im Ranking zeigte. Las zwar keine Sau, aber Google fand jedes Posting belohnenswert.

Übrigens, schon bevor TripSavvy (was About.com mutierte) auf meine Dienste verzichtete, war meine SM-Präsenz eher schleichend, zumal sich voll reinknieende KollegInnen auch keine besseren Ergebnisse erschufteten, viele von ihnen schon wesentlich früher gegangen wurden. Den thematischen, eingebetteten Blog hatte man ja trotz insgesamt besserer „Performance“ dagegen ersatzlos eingestampft. Vorsicht, SEO-Experten bei der Arbeit!

Was ist danach davon geblieben?

Nur noch Facebook, und das eigentlich auch mehr als Privatschiene. Weil, es gibt ja doch einige Leute, die einem (manchmal trotz aller Grantigkeit, Ecken und Kanten) ans Herz gewachsen sind. Irgendwie. Selbst wenn man die meisten dieser „Freunde“ (so der offizielle Facebook-Jargon auf der ersten Ebene) eher als „Bekannte“ (so die fast versteckte Facebook-Differenzierung) einstufen mag. Aber ich würde sie und ihre oft interessanten Beiträge missen.

Doch nun zum Thema zurück, 24/7 und so weiter – ich habe mich entschieden, am heutigen 24.7. ein 24/7-Päuschen zu beginnen. Wie lange? Weiß ich nicht. Für immer? Bestimmt nicht, aber …

Manch Mensch wird es schon bemerkt haben, am Wochenende war ich auf Facebook seit Monaten nicht mehr präsent. Ein Teil der mentalen Hygiene, sozusagen, weg vom Schreibtisch, Konzentration auf andere Dinge, den Kopf auch mal freimachen.

Das Resultat? Ich hatte am Wochenende subjektiv mehr Zeit, und am Montagmorgen sah ich die ganzen FB-Nachrichten immer noch. Von denen ich dann rund die Hälfte als „gelesen“ ungelesen wegdrückte. Weil, nicht alles muss man wirklich lesen. Indirektes Resultat? Da der Laptop kalt blieb, teilweise nicht einmal das WiFi lief, konnte ich auch mehr lesen und meinen Blutdruck Dank ausbleibender Nachrichtenflut in annehmbaren Grenzen sehen. Was am 24.7., an dem Trumps Mini-Me BoJo das Ruder der Nachbarinsel in die Hände bekommt, ein weiterer Grund ist, in den Sabbat zu gehen.

Back to the roots, sozusagen … Nachrichten im Radio, eventuell am Abend in Tagesschau und/oder Heute (Mediaplayer machen es möglich, wenn man denn will), Bespassung durch Lektüre, Handwerkliches, Flanieren, Schauen, Nachdenken, nur offline muss es sein. Und online nur zur Arbeit. Auch wenn ich ahne, dass letzteres nicht zu 100% klappen wird, selbst ohne YouTube- oder YouPorn-Hörigkeit in diesem Hause.

Und das soll nochmal wie lange dauern? Tja, ich weiß es wirklich nicht, ich mach daraus keine „Challenge“ oder so, kein festes Gelübde bindet mich, wie es kommt, so kommt es. Vielleicht tauche ich in einer Woche in den Sozialmedien wieder auf, wie Kai aus der Kiste. Oder ich melde mich in einigen Wochen nur mit einem kurzen Update, dass ich noch atme … nicht jeder findet ja den Weg auf diesen kleinen Blog. Denn der wird nach wie vor Updates bekommen, denke ich. Wenn es etwas zu sagen gibt, zumindest. Oder so.

TL;DR: I’ll see you in another life, brother!